Kjell Eriksson liest aus "Der Tote im Schnee"Mülheim/Ruhr, 12.11.03
Was macht ein Gärtner, dessen Land fünf Monate unter einer
dicken Eisschicht schlummert? Wenn er Deutscher ist, meldet er sich wahrscheinlich
auf dem Arbeitsamt saisonal arbeitslos. Ist er Schwede, schreibt er Krimis.
Kjell Eriksson, mörderischer Gärtner aus Uppsala, hat wieder
zugeschlagen. In den letzten Wochen tourte er mit einem Toten im
Schnee' im Gepäck durch Deutschland und präsentierte seinen
neuen Ann Lindell Krimi, besagter Toter im Schnee'. |
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Der
Schriftsteller Kjell Eriksson bei der Lesung in Mülheim/Ruhr
Foto: Alexandra Hagenguth
Literaturportal schwedenkrimi.de |
Dabei ist Kjell Eriksson, ganz zur Freude seiner zahlreichen Fans, selbst
alles andere als tot'. Mit viel Körpereinsatz plaudert er aus
seinem Leben. Kjell Eriksson, der nicht aus dem akademischen Teil Uppsalas
stammt, sondern aus dem Arbeiterviertel, verlässt mit 16 das Elternhaus,
um das Leben kennenzulernen. So wird er erst Postangestellter, dann Arbeiter
in einer Fischerei für Dörrfische auf den norwegischen Lofoten
und schließlich Gärtner sowie Vater von fünf Töchtern
und einem Sohn, die mittlerweile im besten Teenageralter sind: "Und
wir wissen ja alle, wie Teenager sind. Du hast ca. 14,5 Sekunden Zeit,
sie für ein Thema zu interessieren. Wenn es dir in dieser Zeit nicht
gelingt
vergiss es!" Aber da muss sich Kjell Eriksson keine
Sorgen machen, erzählt er zu Hause genauso lebendig wie an diesem
Abend. "Wir saßen in einem indischen Restaurant, meine Töchter
und ich, und sie fragten mich, woran ich gerade schreibe. Ich hatte mir
gerade die Figur des Vincent Hahn ausgedacht, hatte aber noch keine Zeile
über ihn geschrieben. Also habe ich Vincent Hahn in unser Viertel
geholt; habe ihn durch die Straße laufen lassen, auf der wir wohnen
und habe ihn ein weißes Kaninchen erwürgen lassen - wir hatten
zu dem Zeitpunkt auch ein weißes Kaninchen
". Ein Schelm,
wer Böses dabei denkt. Danach habe er sich sofort an den PC setzen
und drauf los schreiben können - und hatte die Aufmerksamkeit seiner
pubertierenden Töchter für immerhin 25 Minuten gewonnen!
Aber gibt es denn keinen Plan, wenn Kjell Eriksson mit dem Schreiben eines
neuen Krimis anfängt? Nein, er arbeite völlig planlos, was den
Verleger zur Verzweiflung treibe, aber dann erzähle er ihm einfach
irgendwas und schreibe hinterher dennoch etwas völlig anderes. So
sind auch die ersten beiden Ann Lindell Krimis, die noch nicht ins Deutsche
übersetzt wurden, ohne jegliche Recherche bei der Polizei entstanden.
Nach zwei Krimis jedoch habe er sich überlegt, dass er doch mal bei
der Polizei nachschauen müsse. Also habe er sich zwei Stunden in
die Cafeteria der Polizeiwache Uppsalas gesetzt, Kaffee getrunken und
ein Organigramm über die verschiedenen Abteilungen studiert. Dennoch
zeigen sich gerade auch die Insider der Polizei begeistert von Kjell Erikssons
Romanen, weil sie die Psychologie in einem Polizeiteam sehr authentisch
einfangen. So war z.B. "Das Steinbett" Thema eines Seminars,
das der Rektor einer Polizeischule im Gefängnis abgehalten hat. Kann
man ein größeres Kompliment für seine Arbeit erhalten?
Kaum. Außer vielleicht man wird bereits zum zweiten Mal in Folge
mit einem seiner Romane zum besten schwedischen Krimi des Jahres nominiert.
So geschehen mit Kjell Erikssons "Nattskärran", das erst
kürzlich in Schweden veröffentlicht wurde und insgesamt das
fünfte Buch in Folge (von insgesamt fünf) ist, das für
einen Literaturpreis nominiert wurde.
Eigentlich aber interessieren ihn die einfachen Menschen', die Arbeiter,
viel mehr als irgendwelche Literaturpreise. Das merkt man jedem seiner
Romane an. Figuren wie John, Lennart oder Theodor aus "Der Tote im
Schnee" verkommen bei Kjell Eriksson nicht zu einem Klischee, sondern
es sind Menschen mit Stärken und Schwächen, und dass ihr Autor
sie wirklich tief und ehrlich liebt, spürt man bei jeder Zeile. Will
Kjell Eriksson denn politisch sein? Ja und nein. Politisch ist für
den sympathischen 40-Jährigen, wenn er für ein älteres
Paar - er ist schon 85 und fährt immer noch seinen roten Nissan Micra
-, das jedes Jahr im Mai zu ihm in die Gärtnerei rauskommt, um die
Blumen für den Sommer zu besorgen, alles stehen und liegen lässt,
um sie zur Nr.1 zu machen. "Dieses ältere Paar, Stammkunden
von mir, sind sonst überall Nr.5 oder 10 in der Schlange; auf der
Bank, beim Frisör, in der Metzgerei, überall. Aber bei mir,
bei mir stehen sie immer an erster Stelle, und das ist meine politische
Tat." Dafür lieben ihn die Leute. In Uppsala genauso wie in
Mülheim - auch wenn er schon mal eine Leiche in ihrem Geschäft
platzieren möchte. Hoffen wir, dass die Uppsalaer ihn auch weiterhin
so sehr mögen, dass sie ihre Stadt gerne für weitere Krimis
als Tatort zur Verfügung stellen.
Autorin:
Alexandra Hagenguth/ KONTEXTE - Wissensportal für Text, PR, skandinavische Sprachen und Literaturen
© November 2003 - Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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